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Der gewöhnliche Schweinswal - Foto: ; Rechteinhaber: AVampire Tear 18.05.2014
Geschützte Wale in der deutschen Nord- und Ostsee sterben: Deutsche Ministerien und Behörden verwalten nur noch den Niedergang der Populationen, ohne den Mut zu wirklich notwendigen Maßnahmen aufzubringen.

Fast 20.000 Kilometer von dem bekannten Antarktischen Walschutzgebiet im Südpolarmeer entfernt, gibt es noch ein anderes Walschutzgebiet – recht unscheinbar, kaum bekannt und direkt vor unserer Haustür gelegen. Die Rede ist von sogenannten Flora-Fauna-Habitaten (FFH), die nach EU-Richtlinien als nationale Schutzgebiete in Deutschland ausgewiesen wurden – so auch in der deutschen Nord- und Ostsee. Diese Meeresschutz- und Walschutzgebiete sollen unter anderem der einzigen Walart, die in unseren deutschen Gewässern beheimatet ist, den so dringend notwendigen Schutz
bieten: dem mit den Delfinen eng verwandten Schweinswal – auch Kleiner Tümmler genannt.

Der Schweinswal gehört eher zu den scheuen Vertretern der Familie delfinartiger Wale.
Anders als viele Delfinarten oder Große Tümmler legt er es nicht darauf an, mit dem Menschen in Kontakt zu kommen und seine Sprünge an der Oberfläche sind weniger akrobatisch – aber Schweinsale sind sehr schnelle Schwimmer und sind wie alle Zahnwale in der Lage, Ultraschall zur Echoortung einzusetzen.

Der Bestand in der deutschen Nordsee unterliegt starken Schwankungen und wird mit ca. 55.000 Tieren angegeben, wobei in den Sommermonaten das Sylter Außenriff ein ausgeprägter Schwerpunkt ist. In der westlichen Ostsee ist der Bestand in nur 10 Jahren von ca. 30.000 Tieren auf 10.000 eingebrochen; in der zentralen Ostsee von 1.500 Tieren auf nur noch rund 300 – und damit an den Rand des Aussterbens.

In den Roten Listen der Weltnaturschutzunion (IUCN), Deutschlands und der betreffenden Bundesländer wird der Schweinswal für den Bereich Nord- und Ostsee als „stark gefährdet“ bzw. „Vom Aussterben bedroht“ ausgewiesen. Insbesondere der Ostsee-
Schweinswal gehört zu den am meisten bedrohten Säugetierarten der Welt und ist akut von Aussterben bedroht.

Eine lange Reihe von internationalen Abkommen und nationalen Gesetzen schützt den kleinen Schweinswal: die FFH-Richtlinie, die Berner Konvention, die Bonner Konvention mit ihrem Regionalabkommen zum Schutz der Kleinwale (ASCOBANS), das Bundesnaturschutzgesetz. In Summe sorgen sie dafür, dass für den Schweinswal - als besonders streng geschützte Art - ein strenges Schutzsystem einzurichten ist. Soweit auf
dem Papier.

Doch die Realität draußen auf See sieht anders aus. Schutzgebiete existieren nur dem Namen nach. Konkrete - tatsächlich wirksame - Schutzmaßnahmen stehen weiterhin aus. Bestehende internationale Abkommen bauen ohnehin nur auf das Prinzip der Freiwilligkeit
und werden von der einflussreichen Fischerei-Lobby unterlaufen; Empfehlungen bleiben so weitgehend unwirksam.

In der Realität sterben sowohl innerhalb als auch außerhalb der deutschen Meeresschutzgebiete in Nord- und Ostsee jährlich hunderte Wale als Beifang in Nylon- Stellnetzen, in denen sie sich verheddern und qualvoll ertrinken. Meeresverschmutzung, verstärkter Schiffsverkehr und Unterwasserlärm - vor allem durch den forcierten Ausbau von Offshore-Windparks oder durch seismische Untersuchungen zur Erkundung von Öl- und Gasvorkommen - machen den Schweinswalen zusätzlich zu schaffen, schwächen und verletzen sie, stören die kurzen Paarungszeiten, führen bei Fluchtreaktionen von Mutter- Kalb-Paaren in der Aufzuchtzeit zum Verlust des Kontaktes zum Kalb. Allein an den
Küsten Schleswig-Holsteins sind im Sommer 2012 nach Untersuchungen der Uni Hannover 193 tote Schweinswale gefunden worden (132 an der Nordseeküste und 61 an der Ostseeküste).

Schutz nur auf dem Papier - ein verendetes Muttertier mit seinem Jungen - Foto mit freundlicher Genehmigung Jessica Hadrava
Schutz nur auf dem Papier - ein verendetes Muttertier mit seinem Jungen - Foto mit freundlicher Genehmigung Jessica Hadrava

Dabei sind die deutschen Gesetze in ihren Festlegungen doch sehr klar: So besteht gemäß Bundesnaturschutzgesetz für streng geschützte Arten, wie den Schweinswal, unter Androhung von Freiheitsstrafen bis zu 5 Jahren, ein Tötungs- und Verletzungsverbot sowie ein Störungsverbot in den Fortpflanzungs- und Aufzuchtzeiten.

So klar, wie diese gesetzlichen Festlegungen sind, so groß sind dann auch die im Gesetz eingebauten Schlupflöcher für die Fischerei-Lobby. In demselben Paragraph, der die oben genannten Zugriffsverbote, wie Tötungs- und Verletzungsverbot, festlegt, heißt es einige Zeilen weiter: “Entspricht die […] fischereiwirtschaftliche Nutzung […] den Anforderungen an die gute fachliche Praxis, verstößt sie nicht gegen die Zugriffsverbote […].“
Mit anderen Worten: Solange tausende Kilometer Nylon-Stellnetze durch die Fischereiflotten in guter fachlicher Praxis ausgebracht werden, unterliegt der Beifang in Form von toten Walen, die sich in den Netzen verheddern und ertrinken, nicht dem
Artenschutz. Diese Form von Tötung ist somit nicht strafbar, sondern rechtmäßig und bewusst in der Gesetzgebung ausgenommen worden, um wirtschaftlichen Interessen in jedem Fall Vorrang gegenüber dem Artenschutz einzuräumen.

Die einzige „Schutz“-Verordnung, die bisher greift, verschärft das Problem nur noch mehr:
Stellnetzfischer mit Kuttern über 12 Meter Länge müssen sogenannte Pinger (akustische „Schweinswal-Vergrämer“) an den Stellnetzen anbringen. Mit ihnen werden die Schweinswale genau aus den Gebieten vertrieben, die eigentlich zu ihrem Schutz eingerichtet wurden. Außerhalb der Schutzgebiete warten dann kilometerlange Stellnetze ohne Pinger. Für den Schweinswal eine aussichtslose Situation.

Auch Ansätze in die richtige Richtung, wie das im Dezember 2013 vom Bundesumweltministerium in Kraft gesetzte sogenannte Schallschutzkonzept für den Schutz der Nordsee-Schweinswale beim Ausbau der Offshore-Windenergie haben ihre
Tücken. Das Konzept soll zwar mit der Regelung von Grenzwerten und Schutzmaßnahmen bei künftigen Projekten für Offshore-Windparks Anwendung finden. Die Ostsee mit ihrer vom Aussterben bedrohten Schweinswal-Population wurde aber dabei komplett der Industrie-Lobby geopfert und ist im Konzept gar nicht erst berücksichtigt. Bereits erteilte Genehmigungen für den Bau von Windparks bleiben von
diesem Konzept ohnehin weiter unberührt und können, wie im Fall des Windparks „Butendiek“ westlich von Sylt mitten in einem Walschutzgebiet, ohne Einschränkungen weitergeführt werden. Auch hier sollen Pinger die Wale aus dem eigens für Wale
eingerichteten Schutzgebiet vertreiben.

„Gute fachliche Praxis“ - nach Bundesnaturschutzgesetz ist der Tod dieses geschützten Wals rechtmäßig.Bild: Pixelo. Rechteinhaber nature.picture
„Gute fachliche Praxis“ - nach Bundesnaturschutzgesetz ist der Tod dieses geschützten Wals rechtmäßig.Bild: 
Pixelo.Rechteinhaber nature.picture

Versuche, auf Länderebene wirksame Schutzmaßnahmen zu beschließen, scheiterten bisher am Widerstand der Fischerei-Lobby, bei denen wie im Fall von Schleswig-Holstein selbst grüne Umweltminister zurückrudern müssen. Was übrig bleibt, sind unverbindliche freiwillige Vereinbarungen unter Federführung der Fischerei-Lobby.

Tatsächlich notwendige Maßnahmen, die den Walen wirksam helfen könnten, wie z.B.
- zeitliche und räumliche Stellnetzverbote
- fischereifreie Schutzgebiete
- Umstellung von Stellnetzen auf Reusen und Fischfallen
- Umstellung auf mit Bariumsulfat verstärkte Garne, die von Schweinswalen besser
geortet werden können, sind technisch und organisatorisch durchaus umsetzbar, scheitern aber an mangelndem Willen der zuständigen Ministerien und Behörden auf Bundes- und Landesebene, die sich in ihren Entscheidungen von der Fischerei-Lobby leiten lassen und sich teilweise gegenseitig blockieren. Dazu kommen unterschiedliche Zuständigkeiten bei Bund und Ländern: Für die Hoheitsgewässer innerhalb der 12-Seemeilen-Zone sind die Länder zuständig – für die sich daran anschließende Ausschließliche Wirtschaftszone bis zu den
internationalen Gewässern hingegen der Bund.

Die auf dem Papier geschützten Wale in der deutschen Nord- und Ostsee sterben somit weiter: Deutsche Ministerien und Behörden verwalten nur noch den Niedergang der Populationen - insbesondere in der Ostsee - ohne den Mut zu wirklich notwendigen Maßnahmen aufzubringen.

Die Schweinswale in der deutschen Nord- und Ostsee vor unserer Haustür sind unsere Wale.
Ihr Schicksal darf uns nicht gleichgültig sein. Sie sind ein Symbol für all die Gefahren, die auch unser künftiges Schicksal bestimmen: Überfischung,
Verschmutzung, Zerstörung von Lebensräumen, Artensterben, tote Meere.

Fordert die zuständigen Stellen bei Bund und Ländern dazu auf, Artenschutz in
Nord-und Ostsee tatsächlich ernst zu nehmen und wirksame Maßnahmen zum
Schutz der Wale in Nord- und Ostsee umzusetzen.

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Das sind die zuständigen Stellen bei Bund und Ländern, die für Schutz und Erhaltung der
gefährdeten Schweinswale in deutschen Gewässern verantwortlich sind:

Bundesumweltministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit
(Ministerin Dr. Barbara Hendricks)
http://www.bmub.bund.de/service/buergerforum/ihr-kommentar/
https://secure.bmub.bund.de/service/buergerforum/ihre-fragen/

Niedersächsisches Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz
(Minister Stefan Wenzel)
http://www.umwelt.niedersachsen.de/service/kontakt/kontakt-8860.html
Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume Schleswig-
Holstein (Minister Robert Habeck)
https://www.schleswig-holstein.de/MELUR/DE/Service/Kontakt/kontakt.html
https://www.schleswig-holstein.de/MELUR/DE/KontaktSeite.html
Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Mecklenburg-Vorpommern
(Minister Dr. Till Backhaus)
http://www.regierungmv.de/cms2/Regierungsportal_prod/Regierungsportal/de/lm/_Service/Servicetelefon/index.jsp


Vielen Dank an Jessica Hadrava für das Fotomaterial.



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